Open Letter

Liebe Redaktion des STERN,

wir sind die Gründerinnen des FEMALE PHOTOCLUB, einer Vereinigung, die 400 professionelle Fotografinnen in Deutschland verbindet.

Der FEMALE PHOTOCLUB macht Fotografinnen sichtbar und ist ein Sprachrohr um auf Missstände im Fotobusiness hinzuweisen. Gleichzeitig möchten wir auch Lösungsansätze anbieten und die herausragende Arbeit unserer Frauen als Fotografinnen, Mentorinnen aber auch Speakerinnen bei Events und als Mitglied in Jurys zu vermitteln.

In dem Zuge ist uns aufgefallen, dass ihr bei der Ausschreibung des „Junge Fotografie“ Stipendiums einen nicht zeitgemäßen Tenor verwendet.

Die Förderung von jungen Fotografinnen und Fotografen durch Stipendien ist sehr wichtig und der STERN ist einer der wichtigsten Vertreter für herausragende und zeitgemäße Reportagefotografie im In- und Ausland. Um so wichtiger finden wir es, dass der STERN auch in anderen Themen bewusst handelt, so auch bei der Ausschreibung und Vergabe des STERN Stipendiums.

In der Ausschreibung ist die Rede von „dem Fotograf“ und „dem Stipendiat“. Nur einmal wird auch eine weibliche Form verwendet. Gendern wird oft als zäh empfunden, macht aber einen enormen Eindruck auf junge Menschen, vor allem Frauen. Es ist belegt, dass die meisten Frauen sich nicht auf Ausschreibungen bewerben, wenn sie durch uneindeutige Formulierungen nicht direkt angesprochen werden.

Fotografie lebt von der Vielfalt der Sichtweise und nicht von Homogenität. Ein Geschlechtergleichgewicht in Jurys ist für eine gleichberechtigte Vergabe von Stipendien und Awards unerlässlich. Eure Jury ist mit vier Männern besetzt. Wir fragen uns, ob es in der STERN Redaktion keine Frauen gibt, die als Jurymitglied in Frage kommen?

An dieser Stelle möchten wir dem STERN gerne unsere Hilfe und Unterstützung anbieten, eine faire Jury zu formen.
Über uns können nicht nur Fotografinnen gefunden werden, es gibt im FEMALE PHOTOCLUB auch beeindruckende und hochqualifizierte Frauen, die sich als Jurorinnen zur Verfügung stellen.

Bewusstere Entscheidungen können einen enormen Unterschied bewirken, um alle Geschlechter zu inkludieren und gerade junge Fotografinnen zu motivieren, ihre Arbeiten zu zeigen und neue Wege zu ergründen. Der STERN hat die Wichtigkeit und Möglichkeit, hier als Vorbild einen entscheidenen Schritt zu gehen.

Wir sind sehr gespannt, wie sich die Welt für Fotografinnen in den nächsten Jahren verändern wird.

Beste Grüße,

Female Photoclub

 

vertreten durch
Laura Brechtel und Nora Tabel

 

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Antwort:

 

Liebe Laura Brechtel und Nora Tabel,
vielen Dank für Eure Kritik, die wir formal nachvollziehen können, inhaltlich allerdings nicht. Ja, es stimmt: in der Ausschreibung könnte man/frau natürlich immer die Formulierung Fotografen und Fotografinnen verwenden um sich 100% Gender korrekt zu verhalten. Texte, die dann so formuliert werden, lesen sich allerdings auch ein wenig sperrig.

Wichtiger finden wir, dass die Chancengleichheit auch tatsächlich im Alltag gelebt wird. Von 7 Stipendiaten waren zwei Frauen, von drei Grant Gewinnern waren ebenfalls 2 Frauen. Von insgesamt 10 StipendiatINNen und Grant GewinnerINNen waren also 40 Prozent Frauen. Uns ist es wichtig, dass sich möglichst viele Frauen um einen stern-Grant oder um ein stern-Stipendium bewerben. Und entgegen Eurer Vermutung, „dass sich die meisten Frauen nicht bewerben wenn sie durch uneindeutige Formulierungen nicht direkt angesprochen werden“: 2018 haben wir 111 Bewerbungen für den Grant bekommen, davon waren 47 von Frauen und 64 von Männern, dass ist ein Frauenanteil von ein wenig mehr als 42 Prozent – da liegen wir also gar nicht mehr so weit entfernt von den 50 Prozent.

Zu Eurer Kritik an der Besetzung der Jury: Ja, da gehört dringend eine Frau rein. Aber: In den ganzen letzten Jahren war Frances Uckermann, unsere überaus geschätzte Art-Direktorin ein wichtiges Jury-Mitglied. Leider hat sie den Stern Anfang Oktober dieses Jahres verlassen. Deshalb ist die Jury vorübergehend recht männerlastig besetzt. Vielen Dank für Euer Angebot uns mit guten weiblichen Jurymitgliedern zu unterstützen, aber wir haben hier wirklich tolle, engagierte stern Frauen, die wir für diese Aufgabe sehr qualifiziert halten.

Aber: ihr schreibt, dass der Female Photoclub 400 Mitglieder hat. Das ist doch eine echte Chance! Weißt doch bitte Eure Mitstreiterinnen 😉 auf den stern Grant und das stern Stipendium hin.

stern-Stipendium 2019, Alle Infos dazu und Bewerbungen unter
www.stern.de/jungefotografie/stipendium
Bewerbungsfrist vom 1.1.2019 bis zum 31.1.2019

stern-Grant 2019, Alle Infos dazu und Bewerbungen unter
www.stern.de/jungefotografie/grant
Bewerbungsfrist vom 1.2.2019 bis zum 15.2.2019

Wir freuen uns sehr über tolle Proposals für den Grant und starke Bewerbungen für das stern-stipendium !!! Von Männern und natürlich genauso von Frauen

Euch allen schöne Weihnachten und ein schönes 2019, vielleicht kommt ja der eine oder die andere über die Festtage auf eine interessante, visuell spannende und auch relevante Idee für eine Geschichte die sie oder er schon immer einmal fotografieren wollte. Dann schreibt sie auf und bewerbt Euch für den stern-Grant.

 

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Antwort Female Photoclub:

Lieber stern,

vielen Dank für den Einblick in die Statistik zu den fast gleichen Anteilen an männlichen und weiblichen Bewerbenden. Dies ist natürlich erfreulich – wenn auch nicht verwunderlich. Es bestätigt lediglich, dass Fotojournalistinnen in einem männerdominierten Business gewohnt sind, “mitgemeint” zu sein und sich davon nicht beirren lassen.

Wirklich schade ist, dass ihr ausgerechnet das schwächste Argument gegen das Gendern verwendet, nämlich dass es „sperrig“ klingt. Mit etwas Sprachgefühl und der Bereitschaft, bestehende Gewohnheiten zu verändern, kann man gut klingende Texte verfassen.

Um das Thema und die Wichtigkeit von geschlechterneutralen Formulierungen zu verdeutlichen, haben wir noch einmal exemplarisch eine von vielen Studien in dieser Richtung ausgewählt: https://econtent.hogrefe.com/doi/10.1026//0033-3042.52.3.131
Über die Seite https://geschicktgendern.de und die dortige Linkliste findet man noch weitere wissenschaftlichen Artikel und lesenswerte Leitfäden.

Personelle Umstrukturierungen in einer Redaktion passieren immer wieder und können sicher die Planung und Zusammenstellung einer Jury beeinflussen. Dafür haben wir natürlich Verständnis – beim Wegfall eines weiblichen Mitglieds wäre es jedoch wünschenswert, dass wieder eine (oder besser zwei) der engagierten und sehr qualifizierten Frauen, die ihr erwähnt, nachrücken.

Der FEMALE PHOTOCLUB möchte positive Veränderungen und Chancengleichheit für Fotografinnen durch offene und respektvolle Dialoge mit Entscheider*INNEN der Branche herbeiführen. Bisher haben wir damit sehr viel Erfolg und ernten viel Rückhalt und Unterstützung von Männern und Frauen gleichermaßen.

Den kleinen Seitenhieb mit den „Mitstreiterinnen ;-)“ möchten wir daher nicht stehen lassen – wir streiten nicht und empfinden das Wortspiel als nicht angemessen. Wir bieten einen Dialog und alternative Lösungsvorschläge an und möchten gerne als Fotografinnen wahrgenommen und nicht auf ein falsches Klischee von streitlustigen Feministinnen herabgewürdigt werden.

Unser Angebot über die Vermittlung von qualifizierten Jurorinnen besteht weiterhin, auch für die Zukunft. Wir bleiben dran und verfolgen mit Neugierde die Entwicklungen Eurer Ausschreibungen.

Beste Grüße,
Female Photoclub

vertreten durch Laura Brechtel und Nora Tabel