Engagement

Positionspapier zum Mutterschutz für Selbstständige

Foto: Alexandra Vosding

II. Branchenspezifische Perspektive der Fotografie

 

Fotografische Arbeit ist häufig projektbezogen, körperlich anspruchsvoll und eng mit persönlicher Präsenz verbunden. Viele Fotograf*innen arbeiten allein oder in kleinen Teams und verfügen nur über begrenzte Möglichkeiten, Aufgaben kurzfristig zu delegieren oder Vertretungen aufzubauen.

Schwangerschaft und Elternschaft bedeuten deshalb in der Fotografie häufig eine umfassende Neuorganisation der beruflichen Tätigkeit: Produktionen müssen verschoben, Reisen angepasst, Kund*innenbeziehungen begleitet und Arbeitsabläufe neu geplant werden. Viele Selbstständige entwickeln dafür individuelle Lösungen und übernehmen einen großen Teil der Verantwortung für Übergaben, Kommunikation und berufliche Kontinuität.

Gleichzeitig hängt die berufliche Existenz vieler Fotograf*innen stark von Sichtbarkeit, Netzwerken, Kund*innenbeziehungen und kontinuierlicher Präsenz am Markt ab. Eine längere Unterbrechung betrifft deshalb nicht nur einzelne Aufträge, sondern kann langfristige Auswirkungen auf die berufliche Entwicklung haben.

Die Situation in der Fotografie zeigt exemplarisch die Herausforderungen vieler kreativer und projektbasierter Berufe: eine hohe Abhängigkeit von persönlicher Arbeitsfähigkeit bei gleichzeitig begrenzten sozialen Schutzmechanismen.

III. Grundsätzliche Bewertung

 

Der Female Photoclub unterstützt die Ziele und Forderungen des Bündnisses Mutterschutz für Selbstständige. Ein gesetzlich verankerter Mutterschutz für Selbstständige ist aus unserer Sicht ein notwendiger Schritt zu mehr Gleichstellung, Gesundheitsschutz und fairen Arbeitsbedingungen.

Der Schutzbedarf rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett darf nicht davon abhängen, ob eine Person angestellt oder selbstständig arbeitet.

Für viele Fotograf*innen stellt die Künstlersozialkasse (KSK) einen wichtigen Baustein sozialer Absicherung dar. Diesen Schutz halten wir grundsätzlich für richtig und erhaltenswert. Gleichzeitig zeigt die Praxis, dass die bestehenden Regelungen nicht alle selbstständigen Fotograf*innen erreichen: Manche sind nicht über die KSK versichert, andere passen mit ihren Erwerbsbiografien nicht in die vorhandenen Systeme. Hinzu kommt, dass sich Lebensrealitäten, Risiken und Unterstützungsbedarfe innerhalb der selbstständigen Fotografie erheblich unterscheiden.

Eine Reform muss deshalb die Vielfalt selbstständiger Arbeit anerkennen und Schutz ermöglichen, ohne Selbstständige in ein starres Modell zu zwingen. Nur so kann ein Mutterschutz entstehen, der den unterschiedlichen Realitäten selbstständiger Erwerbsarbeit tatsächlich gerecht wird.

IV. Zentrale Problemfelder

 

1. Fehlende Absicherung in einer besonders schutzbedürftigen Phase

Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett sind Lebensphasen, in denen gesundheitlicher Schutz und finanzielle Stabilität besonders wichtig sind. Für Selbstständige entsteht jedoch häufig ein besonderer Druck, die eigene Erwerbstätigkeit fortzuführen, weil Einkommensausfälle unmittelbar die wirtschaftliche Existenz betreffen können.

In der fotografischen Praxis können körperlich belastende Tätigkeiten, lange Arbeitstage, Reisen, Außentermine oder das Tragen von Equipment dazugehören. Gleichzeitig sind viele Aufträge eng an die persönliche Verfügbarkeit gebunden.

Ohne ausreichende Absicherung besteht daher die Gefahr, dass Selbstständige notwendige Erholungs- und Schutzphasen nicht oder nur eingeschränkt wahrnehmen können.

2. Einkommensausfälle und schwankende Einnahmen

Selbstständige Einkommen unterscheiden sich grundlegend von regelmäßigen Gehältern. Aufträge, Honorare und Zahlungseingänge verteilen sich häufig ungleichmäßig über das Jahr und hängen von Projektzeiträumen, saisonalen Schwankungen und individuellen Erwerbsverläufen ab. Eine Absicherung, die ausschließlich auf vergangenen Einnahmen basiert, kann diese Realität unzureichend abbilden.

Besonders problematisch ist dies, wenn bereits während der Schwangerschaft aufgrund körperlicher Belastungen oder Einschränkungen weniger gearbeitet werden kann. Wird genau diese Phase später als Grundlage für die Berechnung von Leistungen herangezogen, entsteht eine doppelte Benachteiligung: erst durch die schwangerschaftsbedingten Einbußen, dann durch eine niedrigere Bemessungsgrundlage.

Auch Gründer*innen, Personen mit hybriden Erwerbsbiografien oder Selbstständige mit saisonalen Auftragsschwankungen können durch starre Berechnungsmodelle benachteiligt werden.

3. Laufende Kosten und betriebliche Kontinuität

Eine selbstständige Tätigkeit besteht auch während einer vorübergehenden Auszeit rund um Schwangerschaft, Geburt und Elternschaft weiter. Viele Fotograf*innen tragen laufende Kosten für Studio- oder Arbeitsräume, Technik, Versicherungen, Software, Buchhaltung, Lagerung, Kredite oder Mitarbeitende.

Eine Schutzzeit rund um Schwangerschaft und Geburt betrifft deshalb nicht nur den privaten Lebensunterhalt, sondern auch die Stabilität der beruflichen Infrastruktur. Mutterschaftsleistungen allein können solche Fixkosten in vielen Fällen nicht auffangen.

Wenn diese Kosten nicht berücksichtigt werden, kann eine eigentlich notwendige Schutzphase langfristige Auswirkungen auf die berufliche Existenz haben.

4. Fehlende Wahlmöglichkeiten bei Auszeit und Wiedereinstieg

Selbstständige Fotograf*innen können zwar Elterngeld beziehen, verfügen jedoch nicht über eine geschützte Elternzeit oder einen geregelten Wiedereinstieg wie abhängig Beschäftigte.

Dabei unterscheiden sich die Bedürfnisse erheblich: Manche möchten vollständig pausieren, andere ihre Tätigkeit reduzieren oder einzelne Aufträge weiterführen. Die Organisation von Vertretung, Kommunikation mit Kund*innen und der Erhalt beruflicher Kontakte müssen derzeit weitgehend eigenständig bewältigt werden.

Dadurch entsteht zusätzliche Belastung in einer ohnehin herausfordernden Lebensphase. Fehlende verlässliche Rahmenbedingungen können dazu führen, dass wirtschaftlicher Druck stärker als persönliche oder gesundheitliche Bedürfnisse die Entscheidung über Auszeit und Wiedereinstieg bestimmt.

5. Bürokratische Hürden und fehlende Planungssicherheit

Selbstständige werden in bestehenden Antrags- und Verwaltungsverfahren häufig als Sonderfall behandelt. Unterschiedliche Erwerbsmodelle, schwankende Einkommen und komplexe Versicherungsverhältnisse führen zu zusätzlichem Aufwand bei Anträgen und Nachweisen.

Betroffene müssen häufig mehrere Stellen koordinieren, darunter Elterngeldstellen, Krankenkassen, Künstlersozialkasse und weitere Behörden. Uneinheitliche Verfahren und lange Bearbeitungszeiten können finanzielle Unsicherheiten verstärken.

V. Anforderungen an eine Reform

 

Aus Sicht des Female Photoclub sollte sich eine gesetzliche Regelung am tatsächlichen Schutzbedarf Selbstständiger orientieren. Daraus ergeben sich folgende Anforderungen:

1. Gesetzlicher Anspruch unabhängig von der Erwerbsform

Mutterschutz darf nicht davon abhängen, ob eine Person angestellt oder selbstständig arbeitet. Selbstständige, Freiberufler*innen, Soloselbstständige, Gründer*innen und Personen mit hybriden Erwerbsbiografien benötigen einen verlässlichen Zugang zu Schutz und Absicherung während Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Elternzeit.
Entscheidend muss der tatsächliche Schutzbedarf sein – nicht die formale Erwerbsform.

2. Flexible und praxistaugliche Ausgestaltung

Eine Reform muss unterschiedliche Arbeits- und Lebensrealitäten von Selbstständigen praxistauglich abbilden. Sie darf weder starre Modelle schaffen, die an der Realität vieler Selbstständiger vorbeigehen, noch dazu führen, dass Menschen aus wirtschaftlichem Druck auf notwendige Schutzzeiten verzichten.
Selbstständige sollten selbstbestimmt entscheiden können, in welchem Umfang sie ihre Tätigkeit reduzieren, pausieren oder wieder aufnehmen möchten.

3. Flexiblere Berechnung der finanziellen Absicherung

Die Berechnung von Leistungen muss die Realität selbstständiger Einkommen berücksichtigen. Dazu gehören schwankende Einnahmen, projektbezogene Arbeitsweisen, saisonale Unterschiede sowie schwangerschaftsbedingte Einkommenseinbußen vor Beginn der Schutzzeit. Hier sollte es flexiblere Strukturen bei der Berechnung der Bemessungszeiträume geben.

4. Berücksichtigung betrieblicher Verpflichtungen

Mutterschutz für Selbstständige muss auch die berufliche Infrastruktur sichern. Laufende Kosten, betriebliche Verpflichtungen und notwendige Vertretungslösungen müssen ebenso berücksichtigt werden wie die private Einkommenssicherung.

5. Bessere Abstimmung mit bestehenden Familienleistungen

Mutterschutz und Elterngeld müssen besser auf die Realität selbstständiger Erwerbstätigkeit abgestimmt werden. Berechnungsgrundlagen und Verfahren dürfen Selbstständige nicht aufgrund unregelmäßiger Einnahmen oder besonderer betrieblicher Strukturen benachteiligen.

6. Faire und solidarische Finanzierung

Die Absicherung rund um Schwangerschaft und Geburt ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und ein Grundrecht. Die Finanzierung darf nicht ausschließlich zulasten einzelner Gruppen erfolgen, sondern muss solidarisch und gesamtgesellschaftlich getragen werden.

Gleichzeitig muss eine Finanzierung so gestaltet sein, dass kleine Selbstständigkeiten, Gründer*innen und wirtschaftlich fragile Erwerbsmodelle nicht unverhältnismäßig belastet werden.

7. Niedrigschwellige Informationen und verlässliche Beratung

Ein neuer Anspruch kann nur wirksam werden, wenn Betroffene ihn kennen und ohne unverhältnismäßigen Aufwand nutzen können.
Dafür braucht es verständliche Informationen, transparente Verfahren und kompetente Beratung. Berufsverbände, Netzwerke und Interessenvertretungen sollten in die Entwicklung und Kommunikation einbezogen werden, da sie die praktischen Herausforderungen selbstständiger Arbeit kennen und sichtbar machen können.

VI. Fazit

 

Der Female Photoclub unterstützt die gesetzliche Einführung eines Mutterschutzes für Selbstständige und die Forderungen des Bündnisses Mutterschutz für Selbstständige. Eine Reform ist notwendig, um Gleichstellung, Gesundheitsschutz und soziale Sicherheit unabhängig von der Erwerbsform sicherzustellen.

Ein gesetzlicher Mutterschutz für Selbstständige ist dabei ein zentraler erster Schritt. Damit dieser Schutz wirksam wird, müssen auch die angrenzenden Fragen der finanziellen Absicherung, der betrieblichen Kontinuität und des Wiedereinstiegs berücksichtigt werden.

Fehlende Absicherung beeinflusst nicht nur einzelne Familien, sondern auch berufliche Entscheidungen und langfristige Erwerbsverläufe. Sie kann dazu führen, dass insbesondere FLINTA*-Personen ihre Selbstständigkeit einschränken, aufgeben oder gar nicht erst aufnehmen. Mutterschutz für Selbstständige ist deshalb auch eine Frage wirtschaftlicher Gleichstellung und gesellschaftlicher Teilhabe.

Selbstständige FLINTA*-Personen sind ein wichtiger Teil der deutschen Wirtschaft. Sie gründen Unternehmen, schaffen Arbeitsplätze, tragen zur kulturellen und kreativen Wertschöpfung bei und bringen Wissen und Innovation in zahlreiche gesellschaftliche Bereiche ein.

Mutterschutz für Selbstständige ist deshalb kein Sonderinteresse einzelner Branchen, sondern ein Baustein einer zukunftsfähigen Wirtschafts- und Familienpolitik. Wer selbstständige Menschen besser absichert, stärkt Gründungen, sichert Fachkräfte, erhält unternehmerische Vielfalt und fördert Innovationskraft in Deutschland.

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